Februar 2003

 

Ein streitsüchtiger Professor, der es mit der Wahrheit nicht genau nahm, und dessen astronomischer Kenntnisstand nicht auf der Höhe der Zeit war, wurde auch mit einem falschen Beweis zum Märtyrer der Wahrheit. Denn er hatte das Glück, mit seinem Irrtum nicht politisch korrekt zu sein. Seine Auffassung zur astronomischen Bibelexegese war richtiger als die damaliger Theologen, doch diese hatten ein besseres Urteilsvermögen zur Astronomie als er.


01 Einführung

05 Biblischer Wortsinn

09 Zirkelskandal

13 Zwischenzeit

02 Galileibewältigung

06 Galileis Zeit

10 Fernrohrerfinder

14 Zweiter Prozeß

03 Astronomie

07 Galileis Herkunft

11 Erfolge

15 Lebensende

04 Drehmomente

08 Mode-Astronomie

12 Erster Prozeß

 

1. Einführung

alilei hatte viele interessante Entdeckungen gemacht als Pionier der Astronomie und Physik. Mit seinem Namen verbindet sich aber eher sein Streit mit der römischen Inquisition. Zu jener Zeit wurden astronomische Thesen auch für politisch-aufrührerische Zwecke mißbraucht, daher die entsprechende Aufmerksamkeit von Behörden.

Damit, daß sich die Erde um die Sonne dreht, hatte Galilei recht. Nur waren seine Beweise dafür irrig oder unbrauchbar. Daß die Entdeckungen des deutschen Astronomen Kepler einen Schlüssel zur Lösung der von ihm ungelösten Probleme boten, wollte Galilei nicht wahrhaben. An Kepler interessierten ihn nur biographische Anekdoten.

Zugleich verband Galilei mit seinen Theorien theologische Interpretationen, die nicht in sein Fachgebiet fielen. Sein Verhalten im Zusammenhang mit den Untersuchungen der Inquisition, die oft auch ihr theologisches Fachgebiet durch naturwissenschaftliche Aussagen verließ, war nicht frei von Provokationen.

Obwohl nachsichtig behandelt, wurde sein Fall im kulturideologischen Interessengeflecht der späteren Aufklärung willkommene Munition für Kirchenkritik. Den Mythos ergänzten später Behauptungen, die Galilei fälschlich zum Entdecker des Fernrohrs und der Fallgesetze machten. Eine aufgeklärte Einsicht in die realen Hintergründe des Falles ist bislang in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht gelungen.


2. Galileibewältigung

um 300. Todestag Galileis 1942 ergeht ein Auftrag der päpstl. Akademie der Wissenschaften zur Erstellung einer Biographie durch Msgr. Pio Paschini. Nach langer Arbeit wird die Publikation untersagt. Erst 1964 wird sie publiziert mit Ergänzung neuen Wissens und Zensur kritischer Aussagen zur Kirche.

Auf dem 2. Vatikanischen Konzil wurde Galilei von Kardinal Suenens und Erzbischof D´Souza als Synonym für Fortschritt gegen Kirchentradition gestellt.

Papst Paul  VI. rief am 7.12.65 auf, „den Glauben Galileis, Dantes und Michelangelos nachzuahmen“.

In der Konzilskonstitution „Gaudium et Spes“ vom 7. Dezember 1965 wird „mangelndes früheres Verständnis von Christen für die Autonomie der Wissenschaft“ bedauert mit Fußnote auf die Galilei-Biographie von Paschini. Zwei Konzilsväter wollen dieses Bedauern verschweigen, um einen „Minderwertigkeitskomplex der Kirche gegenüber der Wissenschaft“ zu verhindern.

Der Dominikaner William Wallace enthüllt mit ddp 02/81 längst bekannte Plagiate in Galileis Arbeit und beschönigt dies als üblich und als Kompliment für die bestohlenen Urheber. Umgekehrt hat Galilei jedoch jedes vermeintliche Plagiat aus seiner Arbeit scharf bekämpft (Proportionalzirkel, Sonnenflecken). Ideenklau kann also auch zu Galileis Zeiten nicht so üblich und löblich gewesen sein.


3. Entwicklungen in der Astronomie

treit um Galilei diskutierte die Frage, welche Struktur der Kosmos hat. Herrschende Ansicht war der wissenschaftsgeschichtlich jüngere "Geozentrismus" (auch: Ptolemäisches/Aristotelisches System), der die Erde als Mittelpunkt des Kosmos ansah. Der entsprechend ältere "Heliozentrismus" (auch: Pythagoräisches/Kopernikanisches System) sah die Sonne im Mittelpunkt. Der kaiserliche Hofastronom Kepler (Bild rechts) war einer der inhaltlich bedeutsamsten Pioniere des erneuerten Konzepts.

  • Philosoph Pythagoras (580-497) lehrt Heliozentrismus.
  • Philosoph Aristoteles (384-322 v.C.) lehrt Geozentrismus im Werk „Physik“, fortgesetzt durch Peripatetiker.
  • Naturkundler Claudius Ptolemäus v.Alexandria (100-180) lehrt Geozentrismus im Werk „Großes Astronomisches System“ (Almagest) – Fixsterne, Planeten, Erdzentrum. 
  • Bischof Prof. N. Dorsesme (um 1350) in Paris lehrt die Achsendrehung der Erde.
  • Can. Nikolaus v. Kues (1401-1464) lehrt die Erdrotation, ideelle Anregung für Fahrten des Columbus.
  • Prälat Calgagnini (1520) lehrt in Italien die Bahnbewegungserde im feststehenden Himmel. (Che il cielo sta fermo e la terra si muove).
  • Can. Kopernikus (1473-1543) löst das Problem fehlender Planeten-Opposition im Geozentrismus 1536 durch das Konzept Dreherde (De revolutionibus orbium celestium).
  • Dänischer Astrologe Tycho de Brahe (1546-1601), Geozentriker, führt exakte Messungen der Gestirne mit aufwendiger Technik ein (Meridianmessung), was für seinen Schüler Kepler Grundlage weiterer Entdeckungen wird.
  • Protestant Prof. Joh. Kepler (1571-1630): findet die Ellipsenbahn der Planeten. Um 1593 folgen seine Beweise für die Drehbahnerde. Er wurde wegen dieser unorthodoxen Ansichten in seiner protestantischen Heimat drangsaliert und beruflich behindert, seine Mutter als Hexe angeklagt. Er erhielt Asyl und Gelegenheit zur Publikation am Hof des kath. Kaisers Rudolf II. und seiner dortigen Jesuiten. Später profilierter Vertreter des Heliozentrismus.
  • Newton 1686: Massenschwere als Erklärung der Ellipsenbahnen.
  • Bradley 1728: Lichtaberration als Nachweis der Erdbewegung.

Irrig ist die Vorstellung, Fortschritt habe mittelalterlichen Geozentrismus durch klügeren Heliozentrismus überwunden. Letzterer war vielmehr schon in der Antike eines unter anderen Konzepten. Nach Ende der Antike waren es vor allem Kleriker der Kirche und kirchliche Universitäten, durch die astronomisches Wissen erweitert wurde. Erst mit Kepler und Newton wurden entscheidende Fortschritte erreicht, durch die letztlich das früheste aller diskutierten Kosmoskonzepte, der Heliozentrismus, erneuert und bestätigt wurde.


4. Problematische Drehmomente

roblem war es, eine mit allen bekannten Himmelsphänomenen stimmige Erklärung kosmischer Strukturen zu entwickeln. Auch dem Heliozentrismus des Kopernikus gelang das ebensowenig wie Galilei, der noch nicht einmal dessen Niveau erreichte. Ausweislich seiner strittigen Schriften hatte Galilei wenig Ahnung von den Arbeiten und Ergebnissen astronomischer Pioniere wie Kopernikus, Tycho und Kepler.

Diskussionen: Wegen der bestehenden Probleme heliozentrischer Erklärungsversuche blieben geozentrische Lehren Leitidee, wie zuletzt entworfen durch Tycho de Brahe (Tycho Bild rechts, sein Planetensystem oben).
Diese falsche geozentrische Vorstellung führte aber ebenfalls zu Problemen; hier: zu Differenzen zwischen Theorie und Himmelsbeobachtung. Flickschustereien aller Art wie von Tycho ergänzten deshalb die Theorie. Dennoch blieben Widersprüche und der vergebliche Versuch ihrer Harmonisierung. Das folgende Beispiel ist eines unter diesen Problemen.


Geozentrismus nahm an, daß die Erde (E) im Mittelpunkt aller Sterne steht. Von diesen zirkulieren einige als Planeten um die Erde auf Kreisbahnen, andere sind als "Fixsterne" (F) am Himmel angenagelt.


Tatsächlich aber sah man Sonne (S), Venus (V) und Merkur (M) stets in einem Sektor kreisend. Das durften sie theoretisch eigentlich nicht. Denn als kreisende Planeten war eine solche Bündelung seltsam.

Geozentrische Argumente: Es entsteht heute der Eindruck, daß also Heliozentrismus die naheliegende Lösung für das Problem ist, und für jeden erkennbar sein müßte. Das wurde aber keineswegs aus Unwissenheit abgelehnt, vielmehr gab es objektive Einwände. Diese konnten als wissenschaftlich fortschrittlicher erscheinen als etwa ein Heliozentrismus, den Pythagoras schon 1000 Jahre vor Galilei lehrte.
Ein Beispiel: Wenn sich die Erde um die feststehende Sonne dreht, dann müßte sich auch die Erde um sich selbst drehen, um erklären zu können, warum die Sonne einen täglichen Bogen am Himmel zieht. Geozentriker konnten diese Vorstellung einer drehenden Erde leicht und offenkundig widerlegen:


Jeder sieht, daß ein Apfel vom Baum fällt parallel entlang der Baumstamm-Achse. Er ist am Boden ebensoweit vom Stamm wie am Ast.


Wenn die Erde sich um sich selbst drehen würde, dann müßte der Apfel schräg vom Baum fallen. Das tut er aber nicht, wie man weiß.

Vielerlei Glaube: Das Beispiel mag zeigen, daß ein heutiger Bundesdurchschnittsbürger mit halbvergessenem Schulwissen der Physik vermutlich keine Chance hätte, in einer akademischen Diskussion mit damaligen Geozentrikern zu bestehen. Er müßte sich unter dem Gelächter ganzer Hörsäle der geozentrischen Universitäten hilflos auf Bücher herausreden, worin er mal gesehen haben will, daß sich die Erde um die Sonne dreht. Es bliebe ihm nur der Glaube, daß seine Meinung schon stimmt. Aber das ging den Geozentrikern ebenso, und sie hatten bessere Argumente für ihre Meinung. Und für ihre Vorstellung schienen Aussagen der Bibel als geistige Autorität der Zeit zu sprechen.


5. Kann man die Bibel wörtlich nehmen ?

n der Bibel finden sich viele indirekte naturkundliche Aussagen. Und manche von ihnen ist so abwegig wie etwa der "Stammbaum Jesu" (1. Kap. Matthäus), der bis zum Menschheitsvater Adam reichen soll. Die genannten 42 Generationen decken kaum die Pharaonenzeit ab, müßten aber mindestens 100.000 Jahre bislang belegter Menschheitsgeschichte überbrücken, woraus ein gesegnetes Durchschnittsalter von über 2.381 Jahren pro Vorfahr Jesu resultiert. Es darf angenommen werden, daß den biblischen Urhebern solcher Behauptungen Kenntnisse über das Alter der Menschheit fehlten.

Biblisches Weltbild: Abgesehen von anderen Problemen im Rahmen von Wundern, die schon per se nicht behaupten, naturbeschreibend zu sein, waren Konflikte der Bibel mit Naturforschung vorprogrammiert. Das gilt auch für die Astronomie, wie folgende Blütenlese aus dem beschränkten Weltbild des Alten Testaments zeigt:

  • Die Sonne dreht sich um die Erde:
    "Sonne stehe still in Gibeon, und du, Mond, über dem Tale von Ajalon. Da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen". (AT/Josua 10,12-14)
  • Die Erde steht still:
    „Du hast die Erde gegründet auf ihrer Grundfeste“ (AT/Psalm 103)
  • Die Erde steht still:
    „Gott begründet den Erdkreis unbeweglich“. (AT/Paralipomenon 16)
  • Geozentrismus:
    „Der Himmel ist oben, die Erde hier unten.“ (AT/Buch der Sprüche) Kommentar delle Colombe 1610: „Gehörte nun, wie Kopernikus will, die Erde zu einem Himmelskreis, dann wäre sie nicht mehr unten, denn der Himmel ist oben“
  • Drehsonne:
    „Es geht die Sonne auf und sie geht unter und kehrt wiederum zur früheren Stelle zurück; indem sie da abermals aufgeht, durchreist sie die Mittagslinie und neigt sich gen Westen.“ (AT/Buch Ekklesiastikus)

Irrtum oder nicht? Ein Gutachter des ersten Galilei-Inquisitionsprozesses, Kardinal R. Bellarmin (Bild oben), hatte daher die durchaus legitime Auffassung: Wenn eine fragwürdige heliozentrische Theorie gegen das steht, was die Bibel sagt, dann vertraue ich lieber auf die Bibel. Trotzdem blieb die Frage, was zu tun ist, wenn der Widerspruch zur Naturkunde tatsächlich vorliegt. Dann würde sich entweder das jüdische Alte Testament der Bibel irren, oder seine theologischen Ausleger der Kirche. Beides war für die kirchliche Lehrautorität damaliger Zeit keine akzeptable Vorstellung.


6. Galileis Zeit

as Alte Testament als jüdische Religionstradition  ist auch für das Christentum wichtig, da es die Erwartungshoffnung  auf einen Erlöser zeigen soll, der in Jesus erschienen sei, wie das Neue Testament berichtet. Wie diese Schriften auszulegen sind, ist im Falle der katholischen Kirche nicht beliebig, sondern Aufgabe von Theologen. Es liegt nahe, daß eine geistliche Institution ein verbindliche ideelle Grundlage braucht, insofern es eine Weltanschauung ist, was diese Gemeinschaft verbindet. Zwar ist fragwürdig, daß Kirchenbehörden in diesem Rahmen Einfluß auf Forschung und Wissenschaft auch in anderen Fächern als Theologie ausübten, doch war die Kirche oft Finanzier von Universitäten.

Kirche & Gesellschaft: Theologische Themen haben weite Schnittmengen in andere Fachgebiete, und die Kirche wurde hier in der Verantwortung gesehen für die Plausibilität von Lehraussagen, die Religion berührten. Eine Institution, deren Existenzlegitimation in einer Lehre liegt, wird wenig überzeugen, wenn diese widersprüchliche Aussagen umfaßt. Umgekehrt wird eine gemeinsam getragene einheitliche Überzeugung Grundlage für Ansprüche in der Gesellschaft. Kritik an dieser Überzeugung wiederum war Opposition gegen diese Ansprüche an die Gesellschaft. Wenn Priester wie Kopernikus (Bild) behaupteten, daß sich die Erde um sich selbst und die Sonne drehe, war dies ein Widerspruch zum wörtlich ausgelegten Schriftsinn der Bibel. Solche Aussagen konnten aus Sicht von Theologen verstanden werden als eine der vielen "Häresien", also Irrlehren.

Häresien: Diese hatte es bis zur Zeit Galileis schon viele gegeben, etwa Ansichten zur Gottesnatur Christi (Arianismus, 4. Jh.) oder zur Menschheit Christi (Monophysitismus, 5. Jh.). Die Diskussionen um diese Fragen hatten geholfen, das Konzept der Religion zu vertiefen. Zuletzt war dies allerdings auch ein Streit um die Autorität der Kirche geworden (John Wiklif, 14. Jh., Hussiten, 15. Jh, Lutheraner, 16. Jh.). Wer wie Galilei also im 17. Jh. Widerspruch zur theologischen Auslegung der Schrift vortrug, der konnte sich in der Zeit der Gegenreformation nicht darauf berufen, nur Naturwissenschaft zu betreiben.

Autoritätskriege: Streit um eine herrschende Ansicht zur Auslegung der Schriften konnte die Autorität von Theologie und Kirche berühren, und etwa im 17. Jahrhundert von gesellschaftspolitischen Kräften genutzt werden, denen es weniger um die Sache ging, sondern um die selbstsüchtige Demontage von Autoritäten. Belege dafür waren gewaltsame Unruhen wie um die Katharer und Albigenser, die Hussitenkriege und zuletzt die Galilei vorangegangene Kirchenspaltung in der Reformation, sowie die daraus folgenden Bauernkriege (Bild links Holzschnitt aus einer Flugschrift). Kurz vor dem Fall Galilei war 1599 Tommaso Campanella verhaftet worden. Der abtrünnige Dominikaner und Mitstreiter des hingerichteten Giordano Bruno hatte in in Süditalien einen Volksaufstand anstiften wollen, wobei er den Heliozentrismus gegen die Lehrautorität der Kirche stellte. Campanella wurde später von der Kirche zum Verteidiger im zweiten Galilei-Prozeß bestellt.

Inquisition: Um einen Streit in theologischen Fragen klären zu können und als Reaktion auf die Reformation, wurden im Vatikan zwei Behörden eingerichtet: die Glaubenskongregation und die Indexkongregation als Instrument der Gegenreformation. Die erste Behörde zur Klärung strittiger Ansichten, die zweite zur Buchzensur. Beide Kongregationen (Sanctum Officium) werden heute oft irrtümlich als "Inquisition" bezeichnet, dem Begriff und der Herkunft nach eigentlich ein Ermittlungsverfahren.


7. Galileis Herkunft

alileo Galilei, geboren am 18. Februar 1564 in Pisa, stammte aus verarmtem Honoratiorenadel mit guten Beziehungen. 1578 brach er eine Klosterausbildung ab bei den Benediktinern von Vallombrosa. Dies auf Veranlassung des Vaters, der knapp mit Geld war und auf Brotberufe Wert legte. Es folgte ein Studium von Philosophie und Medizin in Pisa als Grundlage für eine lukrative Arztkarriere. Abbruch des Studiums und Neigungswechsel zum Mathematiker Ricci unter Kritik der Eltern, besonders der Mutter (brotlose Kunst).

Geltungstrieb: Die Ehrsucht Galileis zeigte sich erstmals 1587 durch sein Verlangen einer Zeugenbeurkundung von Ergebnissen über Schwerkraftuntersuchungen. Ohne akademischen Grad, aber aufgrund hochkarätiger Beziehungen erlangte er ein Lektorat in Siena, 1589 eine dreijährige Dozentur in Pisa, sowie 1592 eine sechsjährige Mathematikprofessur in Padua. Dort hatte er zeitweise ein uneheliches Verhältnis mit Marina Gamba (3 Kinder).

Pendeleien: Laut seinem Schüler und Biograph V. Viviani habe Galilei 1583 an einem schwingenden Deckenleuchter im Dom zu Pisa den Isochronismus der Pendelbewegung entdeckt. In Galileis Aufzeichnngen taucht dies aber erstmals um 1600 auf. Frühere Entdecker des Phänomens sind arabische Naturkundler im 12. Jh. sowie der Schweizer Astronom J. Bürgi (1552-1632). Da Galilei sich eher ungerne mit Studien anderer beschäftigte, ist fast anzunehmen, daß er wirklich meinte, als erster darauf gekommen zu sein.


8. Astronomie als Modethema

alilei begann mit zeitmodischen astonomischen Studien in der geozentrischen Tradition. Er erhielt 1596 von Kepler dessen heliozentrische Argumentation „Prodromus“ zugeschickt. Im Antwortbrief behauptete Galilei fälschlich, er sei schon lange Heliozentriker, traue sich aber nicht, dies zu bekennen. In Wahrheit fragte erst 1597 brieflich bei einem altem Freund nach Gründen seines Geozentrismus.

Geozentrischer Start: Galilei publizierte 1606 eine geozentrische Studie (Trattato della Sfera o Cosmografia). Er führte dazu auch ungeprüft Beweise für Geozentrismus an, die Kopernikus bereits widerlegt hatte. Auch Tycho Brahes Argumente waren ihm unbekannt, obwohl Galileis akademischer Bekannter, der Jesuit Clavius (Bild) diesen als „zweiten Ptolemäus“ gefeiert hatte. Kepler fragte Galilei in zwei weiteren Briefen nach Gründen seines Heliozentrismus. Galilei antwortete sieben Jahre lang nicht. In dieser Zeit behauptete Galilei vielmehr gegenüber dem Bologneser Professor Magini, das Buch von Kepler nicht zu kennen. Wenn man es richtig versteht, ist diese Aussage nicht einmal falsch, gelesen hat er es wahrscheinlich wirklich nicht.


9. Der Zirkelskandal

er Proportionszirkel wurde von Galilei nicht erfunden sondern weiterentwickelt; 1606 publizierte er eine Gebrauchsanweisung zu dem Gerät und ergänzte funktionale Verbesserungen. Die lateinische Übersetzung seiner Instruktion durch B. Capra 1607 blieb ohne Hinweis auf Galileis Autorenschaft. Galilei war zurecht entrüstet.

Rachezug: Mit dem von Capra angebotenen öffentlichen Widerruf und einer Entschuldigung war er jedoch nicht zufrieden, sondern inszenierte eine Szene vor dem akademischen Gericht mit dem Ziel der gesellschaftlichen Vernichtung Capras. Auf seinem publizistischen Rachezug griff Galilei auch den akademischen Lehrer Capras, S. Marius, an mit Argumenten wie: „neidischer Feind, diabolischer Ratgeber, Hasser des Menschengeschlechts, bissige Lügenschlange“.

Zirkelerfinder: Galilei veröffentlichte eine Schmähschrift gegen Capra und Konsorten (Bild links), in der er nun erstmals lügnerisch behauptete, er habe den Proportionszirkel erfunden, obwohl er in der Bedienungsanleitung noch zugab, daß dies ein anderer war. Bild rechts: Ausschnitt aus dem Titelblatt seines Capra-Pamphlets mit der unwahren Erfindungsbehauptung ("sua invenzione").


10. Erfinder des Fernrohrs?

heoretische optische Grundlagen wurden erstmals publiziert durch G.B. Della Porta 1589-1593 in dessen "Magia Naturalis" sowie durch daran anschließende Studien Keplers. 1604 Bau eines ersten Teleskops durch den Niederländer Zacharias Janssen aus Middelburg. 1608 erstmals vorgestellt auf der Frankfurter Handelsmesse.

Teleskop-Genius: Galilei hatte sich nicht mit theoretischer Optik beschäftigt, er bastelte aber viel an Linsen. Auf die Nachricht von der Fernrohrerfindung und anhand der dabei vermittelten Ideen zur Kombination konvexer und konkaver Linsen baute er 1609 ein eigenes. Er hatte erstmals öffentlich publiziert, ein Fernrohr auch für Astronomie verwendet zu haben (Sternenbote, Bild rechts), dieses aber keineswegs erfunden. Öffentlich benutzte er zur Darstellung seines Anteils an der Sache die Vokabel "hat entwickelt", was man einerseits als Erfindung verstehen kann, andererseits aber auch als Herstellung. Produziert und verkauft hat er in der Tat etliche Teleskope. Seine "Erfindung" bestand darin, das Fernrohr nicht am Tag auf ein fernes Haus, sondern nachts auf einen Stern gerichtet zu haben. Heute scheint die Ansicht verbreitet, daß darauf nur ein begnadeter Genius wie Galilei kommen konnte. Soll dies vielleicht etwas aussagen über das Maß für Genialität in unserer Zeit?
Seine wirklich eigene Entdeckung waren die Jupitermonde und das Objekt Neptun, das er sehr gut beobachtete, aber irrtümlich nicht als Planeten erkannte. Unbefriedigend blieb, daß Galilei die heliozentrischen Argumente von Kopernikus, Tycho, G. Bruno und Kepler nicht berücksichtigt hatte. Großem Aufsehen und Studenteninteresse nach der Buchpublikation stand auch Feindschaft entgegen. Angeberisch behauptete Galilei, alle örtlichen Gegner durch die Kraft seiner Argumente überzeugt zu haben, schrieb an Kepler jedoch ehrlicher das Gegenteil.

Teleskop-Erfinder: In seinem heliozentrisch angehauchten Sternenboten behauptete Galilei schon im Titel lügnerisch, Erfinder des Fernrohrs zu sein. Dazu links der entsprechende Ausschnitt aus dem Titelblatt ("nuper a se reperti").
Zwar schillert die Bedeutung einzelner Begriffe. Hier im Sinne von: "hat entwickelt/entworfen/hergestellt", was offenläßt, von wem die Erfindung ist. Aber "repertum" heißt Erfindung, "repertor" ist der Erfinder.


11. Akademische Erfolge

ofbeziehungen und seine Berühmtheit als angeblicher Erfinder nutzte Galilei zum Wechsel in eine Professur zu Florenz. Dies war begleitet von basarfeilschenden Honorarverhandlungen. September 1610 verließ er Padua trotz großen finanziellen Entgegenkommens des Dienstherren. Er ließ seine Konkubine Marina Gamba zurück und nahm die gemeinsamen Kinder mit. Der Nimbus des vermeintlichen Fernrohrerfinders verschaffte Galilei lukrative Geschäfte mit selbstgebastelten Fernrohren, die er in größerer Zahl anfertigte und verkaufte. (Bild)

Umdenken: Kepler schrieb nach Lektüre des Sternenboten einen begeisternd lobenden Brief an Galilei, wobei er auch Bezug nahm zu seinen eigenen Entdeckungen in gleichem Sinne in seiner „Astronomia Nova“. Galilei antwortete nicht. 1611 fand Galilei begeisterte Aufnahme in allen gelehrten und kirchlichen Kreisen Roms. Jesuitenastronomen der römischen Universität bestätigten nach Auftrag durch Bellarmin Galileis Beobachtungen. Ebenso, daß Geozentrik nach Ptolemäus zweifelhaft werde, auch wenn Heliozentrik nach Kopernikus noch unbewiesen sei. In dieser Sache wurde noch kein endgültiges Urteil gefällt und weitere Untersuchungen zu Kopernikus und Tycho angestrebt. Denn ein wirklicher Beweis für Heliozentrik lag damals nicht vor, wohl aber begründete naturkundliche Einwände. Bellarmin war die Problematik unorthodoxer Ideen durchaus bekannt. Sein Werk zur weltlichen Herrschaftsbefugnis des Papstes außerhalb des Kirchenstaats stand auf dem Zensurindex des Officiums. Wenngleich Galilei also nicht der Entdecker neuer heliozentrischer Impulse war, so hatte sein aggressives Auftreten in diesem Sinne jedoch den Erfolg, das in dieser Sache nötige Umdenken zu beschleunigen.


12. Erster Prozeß

astelli, ein mit Galilei befreundeter Professor für Mathematik und Philosophie in Pisa (Bild rechts unten) stieß am 16. Dezember 1613 eine astronomische Systemdiskussion im heliozentrischen Sinne am Florentiner Hof an. Galilei mußte Stellung nehmen. In seinem Brief vom 21. Dezember 1613 belehrte er die Theologie durchaus berechtigt darüber, daß man die Bibel nicht wörtlich nehmen dürfe. Im gleichen Jahr folgte Galileis Buchpublikation über die Sonnenflecken (Bild links) mit deutlich herauslesbarem Bekenntnis zum Heliozentrismus.

Dezember 1614: Beginn eines Theologiestreits um Exegese, zumeist in öffentlichen Briefen, teilweise in Traktaten. Galilei formulierte dabei zunehmend eine eigene Exegetik, bei der er sich auf Gottesautorität berief und zugleich die bestehende Exegese angriff. Zugleich hetzte er mit der Schärfe seiner Argumente Diskussionsteilnehmer gegen sich auf. Ein Dominikanerpater Caccini wurde sein Feind.

Februar 1615: Anzeige von Caccini an die Inquisition gegen Galilei, auch unter Berufung auf dessen Sonnenfleckenbuch. Es folgte ein Gutachtensverfahren des Officiums (Congregatio qualificationum).

Dezember 1615: Galilei reiste aus eigener Initiative und auf Spesen des Florentiner Hofs nach Rom, um seine Sache zu vertreten. In Begleitung von Sekretär und Diener wohnte er in der Florentiner Residenz. Er trat aggressiv auf in Honoratiorenzirkeln, kannte aber weder Kepler noch Tycho und hat keine Beweise für seinen neuerdings offen vertretenen Heliozentrismus.

Februar 1616: Versuch eines Befriedungsgesprächs durch Besuch von Caccini bei Galilei, aber ohne Ergebnis. Galilei verleitete im Kreis um den Papst einen Kardinal Orsini, den Heliozentrismus und eine Galilei-Rechtfertigung mit dem Ebbe-Flut Theorem vorzutragen. Dies erregte die Inquisition.

19. März 1615 bis 26. Februar 1616: Verhandlungen der Gutachtenskongregation zum Astronomiestreit.

23. Februar 1616: Kongregationsgutachten zur strittigen Astronomiefrage. Dieses Gutachten der Kongregation wurde von beiden beteiligten Parteien verschieden ausgelegt. Die Kongregation verstand es so, daß Galilei darüber belehrt wurde, daß Heliozentrismus im Widerspruch zur Bibel und im Verdacht steht, häretisch zu sein, und daß ihm der Befehl erteilt wurde, diese Vorstellung nur als Hypothese zu behandeln. So ist auch der Tenor des dazu notariell ausgefertigten Abschlußprotokolls. Bild links: das fragliche Schriftstück.
Galilei aber verstand es so, daß ihm in Form dieses Gutachtens lediglich mitgeteilt wurde, wie das Lehramt der Kirche diese Frage beurteilt. Für seine Interpretation spricht ebenfalls ein offizielles Dokument, um dessen Ausstellung er den Verfahrensvorsitzenden Bellarmin gebeten hatte. Bellarmin bestätigte, daß Galilei keine Befehle erteilt wurden und daß man ihm nur die Ansicht des Officiums zum Heliozentrismus mitgeteilt habe. Laut Archivforschung ist keines dieser Dokumente gefälscht.

26. Februar 1616: Die Indexkongregation erließ eine scharfe Zensur gegen kopernikanische Schriften mit explizitem Häresievorwurf, entgegen der Vorgabe der Glaubenskongregation. (Bild rechts, größere Version durch Anklicken) Dies wird bewertet als Hinweis auf Differenzen in den Kongregationen. Sie würden auch erklären, wieso es zum Verfahrensurteil unterschiedliche Interpretationen auch innerhalb der Kirchenhierarchie gab. Während man in Rom durchaus heliozentrische Thesen diskutieren konnte, ließ der Kardinal von Neapel einen Verleger solcher Schriften verhaften. Heute meist nicht erwähnt wird, daß Wissenschaftler weiterhin mit indizierten Schriften arbeiten durften. Die Zensur war also mehr eine auf die Wirkung in der Bevölkerung gerichtete Maßnahme denn eine Aussage zur Streitfrage. Dazu war inoffiziell zu hören, daß es sich um eine vorläufige Einschätzung zur Plausibilität einer Aussage handele, die ohnehin nicht Inhalt des christlichen Glaubens sei.

3. März 1616: Sitzung des Officiums. Bellarmin hielt fest, daß Galilei sich der Mahnung zum Umgang mit Heliozentrismus gebeugt habe. Sein Standpunkt: Aussagen der Bibel dürfen erst dann anders als wörtlich ausgelegt werden, wenn es unwiderlegbare naturkundliche Beweise dagegen gebe, was beim Heliozentrismus nicht der Fall sei. Dieses Dokument Bellarmins scheint teilweise im Widerspruch zu stehen zu dem Attestat, das er später Galilei ausstellt.

4. März 1616: Brief des Florentiner Gesandten an den Hof: Trotz besseren Rats versuche Galilei immer wieder, seine strittige Meinung über Heliozentrismus anderen leidenschaftlich aufzuzwingen und sei darauf geradezu fixiert. Er errege Ärgernis und könne sich in große Schwierigkeiten bringen.

4. Mai 1616: Brief des Florentiner Gesandten an den Hof: Galilei lege in Rom ein ungewohnt ärgerniserregendes Gebaren an den Tag.  Er habe Feinde mit gewissen Mönchen und anderen Gegnern. Jedermann wisse um das ausschweifende Leben und den aufwendigen Lebensstil, welche er mit seinem Begleiter Annibale Primi führe. Es werde darum gebeten, Galilei nach Florenz zurückzubeordern, um größeres Unheil zu vermeiden.

Anfang Juni 1616: Begleitet von zwei Empfehlungsschreiben der Kardinäle Orsini und Delmonte sowie dem Bellarmin-Attestat kehrte Galilei nach Florenz zurück.


13. Zwischenzeit

s ist nicht festzustellen, daß jenes erste Gutachtensverfahren Galileis weitere Aktivitäten behindert hatten. Nach seiner von Bellarmin bestätigten Interpretation des Verfahrensergebnisses bestand dazu auch kein Anlaß. Seine weiteren Veröffentlichungen zur Diskussion des Heliozentrismus waren aggressiv und kämpferisch.

23. Mai 1618: Galilei schrieb einen Brief an Erzherzog Leopold von Österreich mit Zusendung eines Fernrohrs und seiner Schriften über Sonnenflecken und Gezeiten zur Verteidigung des Heliozentrismus. Galilei gab mokant vor, wie man seine Abweichung von kirchlicher Orthodoxie verstehen solle: „Als ein Gedicht, oder Träumerei, an dem ich, wie eben ein Dichter es tut, hängt, und daher immer noch eine gewisse Schwäche für den Traum empfindet.“ Diese Schriften wollte Galilei in Österreich anonym drucken lassen, wobei ihm aber trotzdem die Urheberrechte an der „Entdeckung“ gesichert werden sollten. Der Vorschlag wurde nicht angenommen.

1620: Die Indexkongregation erließ ein Dekret, unter welchen Bedingungen und Korrekturen kopernikanische Schriften wieder zugelassen werden können.

1624: Orazio Grassi SJ, Mathematikprofessor am Collegium Romanum, veröffentlichte sein Buch "Liber Astronomica et Philosophica". Darin wandte er sich von striktem Geozentrismus ab, kritisierte aber auch zu Recht Galileis mangelhafte heliozentrische Beweise.

1627: Galilei publizierte sein neues astronomisches Werk "Il Saggiatore" (Goldwaage, Bild links) mit Angabe eines falschen Druckjahres. Er nahm darin Stellung zur fortdauernden Diskussion. Schon im Grassi-Buch machte Galilei Anmerkungen, die wenig wägend ausgewogen klingen: „Ignorant, Pedant, böswilliger Tor, Riesendummkopf, größter aller Ochsen, Lügner, Betrüger.“ Auf Grassis Gegenschrift zu seiner Goldwaage reagierte Galilei nur noch mit Randnotizen in diesem Buch: „Du Stück Esel, Büffel, gemeiner Faulenzer, Dummkopf, elender Fälscher, gemeiner Kerl, Lügner, dummes Vieh, vernagelter Kopf.“
Galileis Goldwaage gilt als wissenschaftlich wertlos, Lob kommt nur aus weltanschaulicher Perspektive. In einer frühen Sammlung von physikalischen Lehrbüchern ist es nicht aufgenommen worden. Seine Publikation führte zu Feindschaft der Jesuiten gegen Galilei. Dennoch gab es einen wohlwollenden Besuch von Grassi bei Galilei, über dessen Verlauf und Ergebnis unterschiedliche Versionen berichtet wurden. In der Goldwaage fand sich zugleich auch der Vorwurf von Galilei, "Ungenannte" (hier also P. Scheiner SJ) seien Betrüger, indem sie seine Entdeckung der Sonnenflecken als ihre eigenen ausgeben. Doch 1611 waren Galileis Sonnenflecken zeitgleich und unabhängig von Scheiner, Harriot und Fabricius erschienen. Auch hier stützte sich Galileis Erfindungsanspruch auf die Unkenntnis des Wissensstands seiner Zeit.

6. August 1623: Beginn des Pontifikats von Urban VIII. (Maffeo Barberini, Bild rechts). Zum Officium-Dekret 1616 teilte er mit: Wäre es auf ihn angekommen, wäre es nie erlassen worden.

23. April 1624: Galilei zu Besuch in Rom mit grandioser Aufnahme des Klerus und Höflichkeitserweisen durch den neuen Papst, der auch die Goldwaage las.


14. Der Fall Galilei: Zweiter Prozeß

inweis auf fortwirkenden heliozentrischen Eifer ist Galileis bekanntestes Werk, der "Dialogus" (Bild links). Eine höhnisch-satirische Schrift, in der drei dichterische Figuren den Systemstreit erörtern. Die Geozentrik (Simplicius) wurde lächerlich dargestellt. Galilei konnte jedoch keine neuen Argumente für Heliozentrik vortragen als seine bisherigen: Planetenbewegungen, Sonnenfleckenbahnen und seine Gezeitentheorie. Die beiden ersten Argumente beruhen auf zutreffender Beobachtung, haben aber wenig beleghaften Zusammenhang mit der Diskussion über Heliozentrismus und stammen auch nicht von Galilei. Die Gezeitentheorie hat Bezug zur Diskussion und ist auch von ihm selbst, aber sachlich falsch.

3. Mai 1630: Galilei kam nach Rom, um die kirchliche Druckerlaubnis für den Dialogus zu erwirken. Seine Wohnung nahm er wieder in der Florentiner Gesandtschaft.

18. Mai 1630: Lange Audienz mit dem Papst. Dieser sicherte Galilei auf dessen Bitte eine üppige kirchliche Pension auf Lebenszeit zu, um ihm Gelegenheit für seine Studien zu geben. Sie wurde auch entsprechend gewährt und ausgezahlt.

16. Juni 1630: Die Qualifikatoren der Kongregation, die Dominikaner Riccardi/Visconti, waren zuständig für das Imprimatur, die kirchliche Druckerlaubnis. Sie vereinbarten zusammen mit Galilei Änderungen am Dialogus im Sinne der Hypothesendarstellung von Heliozentrismus. Die Zustimmung des Papstes zu dieser Regelung zog sich dahin. Galilei wollte der Hitze in Rom ausweichen und drängte auf Entscheidung. Riccardi gab ein Blanko-Imprimatur mit der Auflage, daß Galilei die Änderungen vornehme und ihm den neuen Druckbogen vorlege zur Publikation in Rom. Anfang und Ende des Buches sollten gemeinsam gestaltet werden. Galilei teilte kurz darauf mit, daß in Florenz und nicht in Rom gedruckt werde, und die Korrekturzusendung sei wegen Postaufwand unzumutbar. Die Qualifikatoren stimmten zu, daß Galilei nur Anfang und Schluß des Werkes nach Rom sendet, den Rest an den Inquisitor zu Florenz.

19. Juli 1631: Riccardi sandte die von ihm überprüfte Einleitung und den Schluß des Werkes nach Florenz. Über die Auflage von 1616, die Brisanz des Themas und die Haltung des kirchlichen Lehramts hatte Galilei ihn nicht informiert. Er gab dazu später im Prozeß an, daß der Qualifikator dies wohl selbst hätte wissen müssen.

21. September 1631: Der Generalvikar von Florenz als Inquisitor erteilte die Druckerlaubnis. Galilei druckte den Dialogus aber auch mit dem renommierteren römischen Riccardi-Imprimatur, welches nach Abgabe der Sache an Florenz nicht mehr gültig war. Der Qualifikator der Indexkongretation gewann spätestens da den Eindruck, von Galilei hintergangen und benutzt worden zu sein.

Mai 1632: Erste beim Zoll von Rom eintreffende Druckexemplare des Dialogus wurden beschlagnahmt.

August 1633: Der Papst, erbost über die Vorgänge, setzte eine Untersuchungskommission des Officiums ein, als Leiter sein Neffe, der Qualifikator Riccardi, der zu mäßigen versuchte. Das Gutachten der Kommission:

  1. Das römische Imprimatur wurde unberechtigt verwendet.
  2. Durch Druck der Vorrede nach Hypotheseregel in anderer Typographie als der Haupttext mit Faktenbehauptung wird ihr Zweck unterlaufen.
  3. Die Dialogverteilung ist tendenziös.
  4. Die Hypotheseneinschränkung wurde nicht beachtet, und statt dessen Stillsonne und Dreherde als Tatsache vorausgesetzt, oder das Gegenteil lächerlich gemacht, so daß Heliozentrismus als bewiesen erscheint.
  5. Das Buch verwendet als dumme Gegner des Fortschritts Schriften, welche die Kirche empfiehlt. Oder in Galileis Wortlaut: „geschwätziger Tycho / Keplers Kindereien / Scheiners Phantasien“.
  6. Der Ebbe-Flutbeweis für Stillsonne und Dreherde sei sachlich falsch.

Mit diesen Befunden wurde zugleich festgestellt, daß die Auflagen von 1616 verletzt worden waren.

23. September 1632: Vorladung Galileis vor das Offizialgericht.
3. Oktober 1632: Zustellung der Ladung an Galilei.
20. Januar 1633: Galileis Reise nach Rom. Zwanzig Tage Seuchenquarantäne in Aquadependente.
13. Februar 1633: Eintreffen in Rom und Wohnsitz in der Florentiner Residenz - eine ungewöhnliche Rücksicht für Delinquenten der Inquisition.

12. April 1633: Nach kontroversen Verhandlungen bestand der Papst auf der Inhaftierung, gestand aber gute Bedingungen zu. Als Galileis Verteidiger wurde Th. Campanella bestellt (Bild links). Er war Heliozentriker und im Zusammenhang mit dem Fall Giordano Bruno bereits inhaftiert worden. Haftort Galileis in Rom war die geräumige Wohnung eines hohen Kongregationsbeamten, P. Maculano (Heliozentrist). Er hatte freie Bewegung in Haus und Garten sowie eigene Dienerschaft und Verpflegung aus der Florentiner Residenz. Er hatte freie Korrespondenz, durfte aber keinen Besuch empfangen. Zugleich mit Galileis Einzug fand ein erstes protokolliertes und eidliches Verhör statt durch Maculano mit folgenden Aussagen Galileis:
— Die Ansicht der Kongregation zur Hypothetik des Heliozentrismus wurde ihm 1616 mitgeteilt, von einem Befehl wisse er aber nichts.
— Er habe Riccardi das 1616-Verbot bewußt verschwiegen, weil der Dialog die Heliozentrik weder lehre noch verteidige.
Beides widersprach den Fakten, entweder in Registratform (1616) oder als Offenkundigkeit (Dialogus). Die Aussage stand unter Eid.

27. April 1633: Privataussprache. Maculano konfrontierte Galilei mit seinen Falschaussagen. Laut Protokoll habe Galilei seinen „Irrtum“ zum Heliozentrismus zugestanden. Maculano verabredete mit Galilei, daß diese Vorwürfe als vom Gericht nicht mehr behandelt werden. Anklage sei nur noch, im Dialogus den Heliozentrismus als faktisch gelehrt zu haben. Wenn er sich davon distanziere, könne er entlassen werden.

30. April 1633: Erstes offizielles Verhör. Galilei trug vor, nun ein Exemplar seines Buches erhalten zu haben. Er wundere sich selbst über den Inhalt, es komme ihm ganz fremd vor. Tatsächlich erwecke es den irrigen Eindruck heliozentrischer Faktizität. Soweit dies aus seiner Formulierungstendenz resultiere, sei es nur Folge seiner Gelehrteneitelkeit. Er könne eine Fortsetzung zum Werk anbieten, die Mißverständnisse kläre. Er ergänzte eine schriftliche Verteidigung demnach er sich an kein 1616-Verbot erinnere, und daß er sich an das Indexdekret gehalten habe, nur hypothetisch von Heliozentrismus zu schreiben.

21. Juni 1633: Zweites offizielles Verhör. Ziel war die Klärung der Widersprüche zwischen seiner Aussage und den Fakten sowie die Feststellung seiner eigentlichen Überzeugung durch Folterandrohung. Laut Akten bezeichnet als „Examen Rigorosum“. Gemeint war aber die „Territio Verbalis“, die formale Androhung, welche an Personen über 60 Jahren nicht vollzogen wurde. Der 68jährige Galilei wußte dies. Er betonte, daß er ohnehin gerade Geozentriker geworden sei. Trotz Hinweisen auf seine Widersprüche und auf die allerdings unwirksame Torturandrohung blieb Galilei bei dieser Aussage, die er auch als Protokoll unterzeichnete.

22. Juni 1633: Das Urteil erging kontrovers, drei von zehn Kardinälen hatten nicht unterschrieben, darunter der Papstneffe Francesco Barberini. In der Begründung wurde der Heliozentrismus als Irrtum und Ketzerei verdammt. Zur Strafe solle Galileis Dialog verboten werden und er selbst Bewährungshaft erhalten. Galilei mußte eine Bußformel aufsagen, kniend aber voll bekleidet. Der trotzige aber abwegige Mythensatz „Und sie dreht sich doch“, ist erstmals nachzuweisen auf einem Gemälde von 1645 Murillo/Schule, das Galilei im Kerker (!) zeigt.


15. Lebensende

eil das Kongregationsurteil in Galileis höchstes Lebensalter fällt, ist schwer bestimmbar, ob seine spätere zurückgezogene Lebensweise mehr auf die Gebrechen des Alters, oder auf die Beschränkungen der kirchlichen Behörden zurückzuführen ist. Eine eigene Auffassung zur astronomischen Sache behielt Galilei, seine schriftlich überlieferten Darlegungen dazu waren meist diplomatische Varianten der Argumente in seinen früheren Büchern. Über seine geheimsten Überzeugungen kann nur spekuliert werden. Daß Galilei seine religiöse Überzeugung und ernsthaften Gehorsam gegenüber der Kirche hatte, wird als Deutungsmuster heute wenig berücksichtigt.

23. Juni 1633: Entlassung Galileis in die Florentiner Residenz unter Aufsicht.

30. Juni 1633: Entlassung in den Bischofspalast seines Freundes und Schülers Ascanio Piccolomini in Siena anstelle seiner eigenen Wohnung in Florenz, weil dort gerade die Pest herrschte. Nun gab es keine Besuchsauflagen mehr. Der Papst versicherte dem Florentiner Gesandten, Galileis Rehabilitierung schrittweise zu ermöglichen.

1. Dezember 1633: Galilei kehrte zurück auf seinen Professoren-Landsitz Arcetri (Bild), es blieb ein Verbot von öffentlichen Versammlungen in seinem Haus.

Korrigierte Auffassung: In seinem weiteren Leben hatte Galilei noch vielfach Gelegenheit zu weiteren Studien, seine sachlich kompetente Physik stammt wesentlich aus dieser Zeit. Zum Heliozentrismus-Streit äußerte er sich in Privatgesprächen und Briefen. Grundtenor ist, daß beide gegensätzlichen Konzepte zur Zeit nicht überzeugend seien, und deshalb die biblische Autorität entsprechend den Auslegungen der Theologie Vorrang habe.

Gute Versorgung: Galileis Lebensabend bis zu seinem Tod war wohlversorgt. Dies ergibt sich aus einer Zahlungsanweisung des Großherzogs Ferdinand I. v.Medici vom 24.05.1608 über 235 Scudi zugunsten von Galilei "für geleistete Dienste". Dieser war damals Professor zu Padua. Seit 1630 bis zu seinem Tod erhielt Galilei eine Jahrespension des Vatikans in Höhe von 100 Scudi. Dies entsprach also 42% seines früheren Professorengehalts zu Padua ohne Lehrverpflichtung. Zum Lebensende erblindete Galilei, die Symptomatik weist auf ein Starleiden hin. Auch erblindet empfing er häufig den Besuch hochgestellter Persönlichkeiten und Gelehrter aus aller Welt.

Lebensende: Galilei starb am 8. Januar 1642 in Begleitung des Ortspfarrer, Verwandter und Freunde, versehen mit den Sterbesakramenten. Der Versuch seiner Schüler, ihm ein prächtiges Ehrenmal zu errichten, wurde auf Anweisung des Papstes gegenüber dem örtlichen Großherzog hintertrieben. Als Grund wurde genannt, daß Galilei in Kirchenbuße verstorben sei, und daß ein solches Grabmal mit eventuell auch provokativen Inschriften öffentliches Ärgernis erregen könnten. Immerhin ist richtig, daß einige seiner damaligen Anhänger Galilei als Symbol für Opposition gegen die Kirche deuteten und fraglich ist, ob Galilei selbst sich so verstanden wissen wollte.